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In der so genannten Freiwirtschaftsbewegung gibt es viele Menschen, die davor warnen, „zu dogmatisch“ auf Gesells Erkennntnissen zu beharren und behaupten, man müsse diese Erkenntnisse, die zwar „prinzipiell richtig“ seien, „an die moderne Zeit anpassen“. Sie behaupten dies, ohne Gesell´s Werk vorher wirklich gründlich studiert zu haben. Sie benügen sich meist mit Hörensagen und Sekundärliteratur, die das Orignial eben nicht vollständig und richtig abbildet.

In der Humanwirtschaftspartei, die sich als freiwirtschaftliche Partei gegründet hat, wird diese Meinung derzeit wieder diskutiert. Diese Diskussion nehmen wir zum Anlass, ein paar klärende Zeilen zum Begriff „Dogma“ und der Verbindung dieses Begriffes mit der (noch nicht ausreichend systematiserten) Lehre Silvio Gesell’s zur Kenntnis zu geben.

Freiwirtschaft ist „Lehre von der Ökonomie“. Sie nennt sich selbst „Natürliche Wirtschaftsordnung“ und unterscheidet sich im Wesentlichen in zwei Grundbedingungen von den Wirtschaftsformen „Kapitalismus“ und „Sozialismus“. Die NWO beinhaltet a) die Sozialisierung des Tauschmittels Geld – verwirklicht durch die Umlaufsicherung auf Bargeld und die Einführung eines Index und b) die Sozialisierung von Boden – verwirklicht durch die Überführung von privatem Bodenbesitz in den Besitz der Allgemeinheit (bei Entschädigung!) und die Rückverteilung der Bodenrente an Frauen nach Anzahl der Kinder, für die sie sorgen. Außer den Produktionsfaktoren Geld und Boden verbleiben sämtliche Güter und Produktionsmittel in Privatbesitz.

Freiwirtschaft ist insofern dogmatisch, als sie das Parallelaxiom nicht anzweifelt, ebensowenig wie das Axiom aus der Arithmetik, nach dem jede natürliche Zahl n genau einen Nachfolger n+1 hat. Insofern kann man die Freiwirtschaft nicht gänzlich „dogmenfrei“ halten.

Ansonsten findet man Dogmen in Religionen sowie in autoritären und totalitären Gesellschaftsformationen, in denen eine Weltanschauung, eine Religion oder eine Wertvorstellung für allein wahr, verbindlich und allgemeingültig erklärt wird. Und in den sozialistischen und kapitalistischen Lehren, die aufgrund mangelhafter Logik und Kausalität auf Dogmen zurückgreifen müssen, um die „Unerklärlichkeiten“ und „Widerspüche“ der eigenen Lehrmeinung zu überbrücken.

Gesell hat mit der NWO erstmalig ein in sich logisches und mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung befindliches ökonomisches Konzept vorgelegt. Er hat Ökonomie als kybernetisches System erfasst und herausgearbeitet, wie die Faktoren Geld und Boden zu verwalten sind, um eine eigenständige und in sich stabile Selbstregulierung der Wirtschaft zu ermöglichen. Alle anderen „Wirtschaftstheoretiker“ vor ihm und nach ihm behandeln Wirtschaft als ein statisches Modell und können demzufolge die Wirklichkeit nicht abbilden. Ebensowenig vermögen sie die Ursachen der Störungen zu erkennen. Und noch weniger können sie auf Dauer funktionierende und störungsbeseitigende Maßnahmen vorschlagen.

Gesell hat die NWO nicht mehr in eine systematische Lehre gießen können. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das in solch ein geordnetes Lehr- und Lernsystem gebracht werden kann. Das ist die Annahme, von der wir derzeit ausgehen. Doch stellt diese Aufgabe eine gewaltige Herausforderung dar und kann wohl nur von wenigen, sehr befähigten Menschen überhaupt geleistet werden. Denn es geht darum, kybernetische Prozesse – also eine Wirklichkeit, in der ständig alles mit allem überall interagiert, vernetzt, verbunden und verquickt ist, sich gegenseitig bedingt und in stetigem Fluss befindet – in ein lehrfähiges Konzept zu gießen.

Das ist die Aufgabe, um die es geht!

Eine Partei kann dies nicht leisten. Das ist auch nicht gefordert. Obwohl aus ihren Reihen vielleicht diejenigen hervorgehen könnten, die sich dieser Aufgabe widmen und ein Stück damit weiter kommen. Doch als Aufgabe einer Partei ist es nicht anzusehen. Allerdings kann man es der Partei, die sich nunmal als „Partei der Freiwirtschaft“ gegründet hat, abverlangen, dass sie der anstehenden Arbeit nicht unnötige Steine in den Weg legt, in dem sie Dinge verbreitet, die ins „Lager der Gegner“ gehören. Wobei „Gegenerschaft“ nur das Lager der Nicht-Kybernetiker und der ökonomisch zu gering Gebildeten beschreibt. So wie früher einmal die Nicht-Informierten und erdkundlich zu wenig Ausgebildeten „Gegner“ von Galileo waren. So wenig „Gegnerschaft“ es zur Wirklichkeit geben kann, so wenig „Gegnerschaft“ im politischen und kämpferischen Sinne zur NWO ist möglich. Erkenntnisse, die stimmig sind und die Wirklichkeit abbilden, können immer nur ignoriert, ausgeblendet und „unter den Tisch fallen“ gelassen werden.

Da das Gesellsche Werk das Werk ist, das aus der Ökonomie endlich eine Wissenschaft zu machen vermag – weil es den kybernetischen Charakter des Wirtschaftssystems anerkennt und zugrunde legt – ist es eben gerade das ökonomische Erkenntniswerk, mittels dessen wir den Bereich des Glaubens, der Religion und der Philosophie verlassen können, wenn wir von Wirtschaft reden. Dies sollte doch allen zu denken geben, die fordern, Freiwirtschaft solle oder dürfe nicht zum Dogma werden. Freiwirtschaft ist die ökonomische Lehre, die als Einzige ohne den Rückgriff auf Dogmen und Glaubenssätze auskommt!
Die oben genannten Axiome aus der Mathematik und Arithmetik ausgeschlossen. Alle anderen wirtschaftswissenschaftlichen Versuche kommen ohne diese hilfsweisen Rückgriffe nicht aus, weil sie eben nicht stimmig und nicht richtig sind und daher ständig und umfassend in Erklärungsnot geraten.

Wenn Freiwirtschaft die ökonomische Lehre ist, die ohne Zuhilfenahme von religiösen oder philosophischen Grundannahmen, alle wirtschaftlichen Vorgänge in ihrer Ursache versteht und anhand der Fehlentwicklungen und der gesell’schen Ursachenforschung die zutreffenden Maßnahmen herleiten kann – wie kann dann eine Organisation, die vorgibt auf einem freiwirtschaftlichen Fundament zu stehen (auch wenn das Haus Humanwirtschaft getauft wurde) fordern, man solle Freiwirtschaft nicht als Dogma verfolgen?

Wenn man einen Vollblutfußgänger auffordert, endlich kein Auto zu benutzen, ist dies vergleichbar mit der Warnung vor den "Dogmen der Freiwirtschaft".

 

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