.

Ein Teil der Menschen im Westen scheint sich völlig klar darüber zu sein, dass „die in China und Indien“ natürlich nicht so leben können wie wir.

Wenn dort auch alle ein Auto, einen eigenen Fernseher, ein Handy, einen Kühlschrank und eine Klimaanlage haben wollen, dann ist es um das Weltklima bald geschehen. Dessen sind sich diese Menschen sicher. Wo kämen wir denn hin, wenn alle soweit fahren würden wie wir, nur um zur Arbeit zu kommen?

Wie man es auch dreht und wendet: Die Chinesen und Inder können nicht so leben wie wir. Sorry, tut uns Leid, aber das geht nun mal nicht. Denken jene mit viel Geld über die, die nur wenig Geld haben. Und die mit weniger Geld können doch uns, die wir mehr Geld haben, nicht einfach die Luft verpesten. Denn Geld ohne Luft ist eindeutig schlimmer, als Luft ohne Geld – daran kann es keinen Zweifel geben. Dabei setzen die so Überzeugten stillschweigend voraus, dass die Inder und Chinesen auch genauso leben wollen wie wir. Wo doch noch nicht einmal wir so leben wollen, wie wir leben!

Wer fährt denn schon gerne 150 Kilometer zur Arbeit. Einfache Fahrt. Täglich. Wer hält schon gerne drei Autos in der Familie, weil alle zur gleichen Zeit in die entgegengesetzte Richtung brausen müssen? Wer kann heute noch sagen: „Ich geh zur Arbeit“, ohne sich ins anschließend ins Auto und oder den Zug zu setzen? Wer fährt wirklich gerne 20 Kilometer auf die grüne Wiese, um in die nächste Ansammlung riesiger Supermärkte zu gelangen? Wie viele Menschen können abends ins Kino oder ins Restaurant schlendern? Oder kommen noch bequem zu Fuß ins nächste Ärztehaus? Wer hätte nicht gerne etwas mehr Zeit, um wenigstens einmal die Woche gänzlich auf Tiefkühlware verzichten zu können? Und wer könnte sich nicht auch vorstellen, am Nachmittag lieber eine ausgedehnte Siesta zu halten, anstatt drei Kinder zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedliche Orte zu unterschiedlichen Kursen zu karren?

Die Liste, die unser Leben darstellt und die genau beschreibt, wie die Inder und Chinesen „eben nicht leben können“, ist keine abgeschlossene Aufzählung. Sie könnte endlos fortgeschrieben werden und macht hinlänglich klar, dass es auch bei uns für eine wachsende Anzahl von Menschen toll wäre, wenn sie endlich aufhören könnten, so zu leben, wie sie es eben nicht wirklich wollen. Warum sollten also die Inder und Chinesen so leben wollen?

Dem einen oder anderen mag sich auf diese Frage die Antwort aufdrängen, dass „die in Indien und China“ nicht so „gebildet sind“ wie wir oder halt eben „noch nicht so weit“. In Wirklichkeit sind diese Gesellschaften durch ihr Wirtschaftssystem, das sie von uns – leider – übernommen haben, den gleichen Zwängen unterworfen wie wir in unseren „vollständig entwickelten Geldgesellschaften“. Auf diesem Weg sind die Volkswirtschaften Chinas und Indiens zwar noch nicht ganz so weit wie die westliche Welt, doch das System zwingt diese Milliarden von Menschen in das gleiche absurde Leben, wie wir es hier führen. Jeden Tag ein Stückchen mehr.

Dass wir in den westlichen Ländern derart CO2-intensiv wirtschaften, hat einen Grund. Und der Grund dafür ist eben nicht in der „Gier“ oder der „Verantwortungslosigkeit“ der Menschen in den westlichen Kulturkreisen zu suchen, sondern in einem Geld, das unsere Ökonomie immer mehr in ein fatales Monopolyspiel verwandelt. Monopole haben in entwickelten Geldgesellschaften Hochkonjunktur und lassen Tante Emma Läden, kleinere Fachgeschäfte, kleine Kinos, Werkstätten und Handwerksbetriebe von der Bildfläche verschwinden und riesige Supermärkte, Baumärkte, Mediamärkte und Möbeldiscounter weit draußen vor der Stadt entstehen. Das zwingt immer mehr Menschen ins Auto und auf die Autobahnen. Um zur Arbeit zu gelangen, oder aber zum Einkaufen und zur Freizeitgestaltung. Unser Geld, das eben nicht nur zum Austausch der Waren und Dienstleistungen zu gebrauchen ist, sondern auch zu Wertaufbewahrung, märchenhafter Selbstvermehrung und Spekulation missbraucht wird, macht die Tauschbeziehungen zunehmend schwieriger. Die Umsätze sind nicht so, dass die Kosten für Lagerhaltung und Erhalt der Ware gen Null tendieren könnten. Im Gegenteil. Die Waren liegen zum Teil wie Blei in den Geschäften und kosten den Unternehmer mehr, als er in die Preise einkalkulieren könnte.

Sparmaßnahmen zwingen daher zur Schließung kleinerer Läden und zur Eröffnung der größeren „Tempel“ in weiter Entfernung. Das dafür notwendige Material muss transportiert und zu den Dingen verarbeitet werden, die Menschen brauchen, wenn der Arbeitsplatz eben nicht mehr zwei Straßen weiter ist und auch für den täglichen Einkauf mehrere Kilometer zu überwinden sind: Autos, Straßen, Lastwagen, Beleuchtung, Hallen, Unterführungen, Überführungen, Lärmschutz, noch mehr Autos, Handys, Akkus, Mikrowellen, Kraftwerke, Kläranlagen, Sondermülldeponien, Atommülldeponien und und und. Nichts davon ist in der Produktion oder im Betrieb hinsichtlich der Entstehung von CO2 zu vernachlässigen.

Und doch sind all die Dinge notwendig, um das vielfältige Auseinanderreißen der Gesellschaft zu überbrücken und zu managen. Und all das „Auseinandergerissenwerden“ ist den problematisch werdenden Tauschbeziehungen geschuldet. Und deren Verursacher ist ein Geld, das mehr sein soll als ein reines Tauschmittel.

Hat man als Mensch im Westen denn überhaupt eine Chance, nicht mehr zur Arbeit zu fahren, einfach weil sie zu weit weg ist? Soll man die eigenen Eltern oder Kinder oder die Geliebten nicht mehr am Wochenende besuchen, einfach weil sie am anderen Ende der Landkarte wohnen? Wie lange sollen denn Skype-Beziehungen halten und wie viel Spass sollen sie wirklich bringen? Soll man nicht mehr einkaufen gehen, wenn man nicht mehr zum Einkaufen gehen kann?

Und die Wirtschaften in Indien und China werden sich auch in ein Monopolyspiel verwandeln, wo sie uns doch eh alles nachmachen. Streben diese Menschen weniger als wir zu ihren Lieben oder zu den Dingen, die man als Mensch zum Überleben so braucht? Hat man nicht schon gelesen, dass in Indien die Straßenverkäufer arbeitslos werden, weil sich die Supermärkte so rasant ausbreiten? Müssen in China die Menschen nicht in die großen Städte ziehen, weil sie nur dort ein Einkommen erzielen können? Und sollen die dann wirklich alle schön CO2-verträglich laufen?

Dabei wird auch in den östlichen Kulturkreisen auseinander gerissen, was sinnvollerweise nah beieinander bleiben sollte: Menschen und ihre Liebsten, Menschen und ihr Arbeitsplatz, Käufer und Ladenbesitzer, Kranke und Ärzte. Der Grund dafür ist in dem unaufhaltsamen Auseinanderdriften von Bedarf und Geld zu suchen. Hier die Menschen, die bedürftig sind, jedoch mit immer weniger Geld an die Dinge gelangen müssen, die sie unbedingt brauchen. Dort die Menschen, denen das zufließt, was der ersten Gruppe zwangsläufig genommen wird und auf dem großen Vermögenshaufen landet. Die deren Inhaber nicht zum Einkaufen brauchen, sondern nur dafür einsetzten, um den Vermögensberg zu vergrößern. Ob West, ob Ost – der Mensch fällt durch das Rost!

Wenn man dann noch bedenkt, wie viel mehr Wert die Menschen im muslimischen oder hinduistischen Kulturkreis auf inneres Wachstum, Ausgeglichenheit in allen Lebensbereichen, persönliche Zusammenkünfte in größeren Gruppen, Verwöhnung der Sinne und eine beschauliche Lebensart legen als der „Durchschnitts-Westler“, dann braucht sich kein Mensch zu wundern, weshalb die Spannungen in diesen Regionen so fürchterlich zunehmen und sich derart dramatisch entladen. Ein Talibankämpfer kämpft doch auch dafür, dass er in seiner Heimat und seiner Gesellschaft in absehbarer Zukunft noch seinen östlich geprägten Lebensstil führen kann. Nicht, dass die angewandte Gewalt gut zu heißen wäre. Das wird noch nicht einmal der Taliban behaupten. Doch er sieht sich zur Gewalt gezwungen, weil er eben nicht gezwungen werden will, so zu leben, wie auch wir nicht wirklich leben wollen. Und wie es vielleicht auch nicht gut ist für den Planeten, auch wenn das ganze in die Luft geblasene CO2  viel weniger Schaden anrichtet als uns Regierungen und Wissenschaftler weismachen wollen.

Und zu guter Letzt müssen sich diese Länder dann auf irgendwelchen Klimagipfeln in Europa anhören, dass sie nur dann ein wenig Geld bekommen, wenn sie die Probleme lösen, die wir mit unserem fehlerbehafteten Geld geschaffen haben und bis zum heutigen Tag auch mit viel von diesem Geld nicht lösen können.

 

Share

Banner

FacebookMySpaceTwitterDiggDeliciousStumbleuponGoogle BookmarksRedditNewsvineTechnoratiLinkedinMixxRSS FeedPinterest

Wer ist online

Aktuell sind 67 Gäste und keine Mitglieder online

News

  • First parts of the content of this website are now available in english language. In the upcoming time we will translate more and more of the vital economic informations we offer on our pages into various languages. In the moment the following articles are at your disposal:

    Our mission
    The problem
    The solution

Zum Seitenanfang