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An die Währung haben Sophokles und Euripides wohl am wenigsten gedacht, als sie im antiken Griechenland die „griechische Tragödie“ zur Blüte entwickelten. Doch die Blaupause von einst wirft ein erhellendes Schlaglicht auf die Finanzwelt von heute.

Die griechische Tragödie lebt von der schicksalhaften Verstrickung ihrer verschiedenen Protagonisten, die allesamt in eine so ausweglose Lage geraten sind, dass sie durch jedwedes Handeln nur schuldig werden können. Und so können auch die heutigen Handlungen und Versuche der Politik, die Finanzkrise in den Griff zu bekommen, nur noch mit dem Attribut „tragisch“ bezeichnet werden.

Bestünde auch nur die leiseste Hoffnung, dass jene, die an irgendwelchen „Schalthebeln der Macht“ sitzen, mehr von sich selbst erwarten würden, dann könnte man das, was sie bisher produziert haben, einfach als „dumm“ bezeichnen – und ein Mensch, der „dummes Zeug“ macht, kann lernen und fortan klug agieren. Dem tragischen Helden jedoch bleibt der einzige Weg, der das Schicksal abwenden könnte, verwehrt: Aufzuwachen und die Grundlagen der eigenen Gewissheiten in Frage zu stellen.

Eine heutige Gewissheit ist die Unantastbarkeit der Zinsen. Wir werden daher vergebens darauf warten, dass jemand seinen Zeigefinger genau auf diese Position im griechischen Staatshaushalt legt, wenn dieser zukünftig einmal monatlich der EZB zur Kontrolle vorgelegt werden muss. Auch wenn diese Position den Großteil des gesamten Budgets verschlingt, wird darüber kein Sterbenswörtchen verloren werden. Alle werden um die vorgelegten Pläne herumstehen, sich an die Stirn fassen, schwer ausatmen und sich gegenseitig fragend anblicken. Irgendwann wird dann einer das Wort ergreifen, auf die Position 27 der Liste deuten, in der die Strafzahlungen der Steuersünder erfasst sind, und sagen: „Da geht noch was!“ Und alle werden erleichtert aufatmen.

Dann wird Leben in die Runde kommen und jeder wird sich hervortun wollen mit einem weiteren Trick, wie die Einnahmen des griechischen Staates erhöht und seine Ausgaben gleichzeitig reduziert werden können. Und so wird man bestimmt als nächstes „verschärft“ gegen Schwarzarbeit vorgehen, die in Griechenland immerhin schon Eingang in den Staatshaushalt gefunden hat. Dabei wird kein Ziegenstall und auch kein Olivenhain undurchforstet bleiben.

Vieles spricht dagegen, dass Griechenland geholfen wird. Zum Beispiel könnte man sich in den Euro-Kernländern einbilden, dass es nur der Verschwendungssucht und Bilanzfälscherei der umliegenden Euro-Peripherieländer zuzuschreiben ist, dass man nicht schnell genug aus der „expansiven Geldpolitik“ aussteigen kann, um eine Inflation zu verhindern. Motto: Gäbe es das blöde Ausland nicht, wäre alles schick.

Es spricht aber auch vieles dagegen, Griechenland nicht zu helfen. Zum einen ist auch im deutschen Staatshaushalt die Position „Zinslasten“ jene, die unaufhaltsam und exponenziell wächst – unabhängig davon, ob die Griechen nun eine „kreative“ oder eher konservative Buchhaltung pflegen. Der Geldhahn kann mit oder ohne Griechenland nicht einfach zugedreht werden, ohne dass nicht auch unweigerlich Exodos, das Schlusslied des Chores in der Tragödie, angestimmt werden muss. Und eine ganze Volkswirtschaft abzuschreiben, weil man sie eben schnell mal für „nicht systemrelevant“ bezeichnet, gleicht dem Sprung einer tragischen Figur aus dem Hochhaus in der Hoffnung, unten würde schon jemand ein Sprungtuch ausbreiten.

Was ist systemrelevant und was nicht? Auf wie viele Menschen kann Europa verzichten und wie viel Hungerrevolten sind akzeptabel? Unsere Lebensrealität, die Dinge um uns herum und jene, die in unserem Kochtopf landen, sprechen jeden Tag davon, dass wir weltweit voneinander abhängig sind und gemeinsam wirtschaften. Längst müsste es allen klar sein, dass sich das Zusammenleben von sieben Milliarden Menschen auf der Erde nur mit einer wirklich funktionierenden internationalen Arbeitsteilung und einem reibungslosen globalen Austausch der Güter machen lässt. Es muss eine Lösung für alle her.

Wie unterschiedlich die einzelnen Staatshaushalte ausschauen mögen, sie gleichen sich alle in dem Punkt des so genannten „Schuldendienstes“. Diese Position schwillt ständig an und kann nicht gekürzt werden. Sie frisst quasi den gesamten Haushalt erst langsam, dann aber immer zügiger auf. Schon die Annalen aus dem alten Rom dokumentieren diesen Vorgang. Wir brauchen daher nicht lange darüber zu spekulieren, ob noch weitere Volkswirtschaften das Schicksal Griechenlands ereilen wird. Es wird so sein, wobei es nicht genau vorherzusagen ist, ob nun Portugal, Spanien oder doch die USA als nächstes an der Reihe sind. Wir brauchen jedenfalls nur lange genug untätig zu warten… dann sind wir alle dran!

Angesichts der Zahlen und der Unausweichlichkeit der exponenziellen Entwicklung der Zinsfunktion hilft es zwar nichts, gegen Zinsen zu wettern, doch es bezeugt zumindest ökonomische Vernunft und „Ehre im Leib“. Und auch Mut – immer noch, leider. Denn wenn es darum geht, „alles im Finanzplan auf den Prüfstand zu stellen“, wie es uns die Politikerinnen und Politiker so gerne versprechen, warum sind dann damit nur die Transferleistungen an die sozial Benachteiligten gemeint, keinesfalls aber die Tributzahlungen an die Kapitaleigner? Wieso diese Position im Staatsbudget nicht einmal näher untersuchen, die unaufhaltsam immer größere Löcher in die Haushaltspläne frisst?

Jede Sozialausgabe kann restlos gestrichen werden – und wird es auch werden! Ein solcher Umgang bleibt uns mit Zinszahlungen leider komplett verwehrt. Ihnen, und damit unseren Geldgebern, sind wir hoffnungslos ausgeliefert und niemand scheint daran etwas ändern zu können. Auch die Geldgeber können sich nicht wirklich „ehrlich“ machen, fließen ihnen die Zinsen doch aus allen Warenpreisen zu, in die sie eingerechnet sind. Wem könnten sie das Geraubte also zurück erstatten? Sie können nicht anders, als der schäbige und unehrenhafte Teil der Menschheit zu sein. Schuldlos, wie in jeder schönen Tragödie. Regt sich da in keiner reichen Seele wirklich Widerstand? Von einer mathematischen Funktion zum Schwein gemacht zu werden…?

Wieso muss Geld überhaupt „Kapital“ sein? Wo führt uns das hin? Wer gewinnt auf Dauer wirklich, wenn 90 bis 95% der Menschen nur verlieren, bis hin zu ihrem Leben? Können wir wirklich nicht mehr soweit denken, dass Geld nur noch das ist, wozu es letztlich im Laufe der Geschichte entwickelt wurde – das optimale Tauschmittel?

Wir haben diesbezüglich nicht wirklich eine Wahl. Wenn es Freigeld nicht gelingt, den Planeten zu erobern, dann werden es die Kakerlaken sein. Tragödien gehen nun mal nicht gut aus.

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