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Lassen Sie sich den Text vorlesen!
„Eine kleine Weile noch, ein Augenblick des Ruhens auf dem Wind, und eine andere Frau wird mich gebären.“

Almitra, die schweigende Seherin, behielt die Worte des scheidenden Almustafas, des Erwählten und Geliebten, der seiner Zeit eine Morgen­röte war, im Herzen und erwartete die Wiederkunft des Propheten. Kometen kamen und gingen und Altmitra zog den Sternen entgegen wie nach ihr noch viele, die vor uns hier weilten.

Schon lange war die Zeit dunkel und schwer wog die Erinnerung aller. Lange war es her, dass die Menschen in Orphalese von Liebe gesprochen hatten. Seit langer Zeit taumelte das Erdenrund im Kosmos ziellos umher und hatte den Traum von sich selbst vergessen. Dunkel war die Zeit, schwer wog die Erinnerung, grausam das Schicksal so vieler Generationen und ausweglos erschien dem Geist das Sein.

Gebete und Tränen brachten keine Besserung, die Zeitenwende war entfernt wie eh und je und niemand wurde von einem inneren Licht erhellt, um anderen den Weg zu zeigen. Was war geschehen in den Hainen um Hebron, was hatte die Häuser in Gaza zerstört und was die Kinder der Stadt gemordet? Was hatte den Euphrat tiefrot mit Blut gefärbt und was die zu Stein gewordenen Erinnerungen an eine große Zeit zerschlagen? Was tobte in den Straßen Bagdads und was geschah mit den Zedern des Libanons? Die Berge des Hindukusch schallten vor zornigem Geschrei und der Schlachtruf drang vor bis in die tiefen Schluchten Omans. Die Söhne zogen von dannen und es blieb nichts von ihnen übrig als das Bild im Herzen ihrer Eltern. Und auch in den Ländern des Nordens und des Westens nahmen die Mütter Abschied von den Söhnen, die nie mehr wiederkehren sollten. Und jene, die zurück kamen, waren andere geworden. Hart und verstört, den Kreis der Freunde nicht mehr betretend.

Niemand hatte das Sterben und Töten herbeigerufen. Niemand, der die Kinder Afrikas verdorren lassen wollte und wünschte, ihnen werde Mutter und Vater genommen noch vor der Zeit. Und niemand, dessen Seele vom Los der Nutzlosigkeit träumte, keiner, der gerne mit hartem Blick sein Herz vor der Armut nebenan verschloss. Getötet der Bruder im Krieg, verendet das Glück – und niemand konnte verstehen, was vor aller Augen geschah.

War es ein Fluch aus alter Zeit? War es Strafe und Gericht? War der Mensch schlecht und verdorben? Lebte das Böse unter den Menschen und wollte sie mit Absicht zerstören? So viele Fragen und keine Antwort, die nach Wahrheit klang. Alles tönte flach und hart nach Lüge und raubte die Freude und den Drang zu leben. Und diese Zeit dauerte an und wurde viel zu vielen zum Schicksal.

Doch eines Morgens erwachte Aischa und sah die Morgenröte. Und die Morgenröte war zärtlich und sprach: „Sei geduldig, noch eine Weile. Vorbei der Augenblick des Ruhens auf dem Wind. Viele andere Frauen haben ihn wiedergeboren.“ Geheimnisvoll waren die Worte, doch es war gesagt, dass die Wiederkehr des Propheten nahe und das Flimmern der Morgenröte hatte vom Kommen Vieler gesprochen.

Es war so weit. Die Nebel sollten sich heben und den Fragen würdige Antworten zuflüstern. Die Greise sollten schweigen und ihr Jammern sollte versiegen. Das Gebrüll der Gestrandeten und Verwirrten sollte verstummen. Die Lügner sollten der Wahrheit zugeführt werden und zeigen, dass sie mit leeren Händen und leeren Herzen dastanden. Die Verzweifelten sollten des Nachts vor der Ankunft von Silberstreifen träumen und des Morgens erfrischt erwachen. Allen sollte zugetragen werden, was die Welt von innen her verschlang und wie dem unsichtbaren Ungeheuer Einhalt zu gebieten war. Endlich, endlich konnte Aischa wieder an einen neuen Morgen denken. Eine neue Seite im Buch des Lebens galt es zu füllen, die finstere Zeit wich einem zarten Hauch von Spannung.

Und so kam es, dass ein Schiff in den Hafen fuhr, an Bord der Geliebte und Erhabene, der viele Namen trägt. Von weit her kamen die Menschen geeilt. Kein Tal, das nicht die Nachricht erhielt, dass der Prophet wiedergekommen sei und sein Schiff den Hafen erreicht habe. Kein Haus, das nicht vor Freudenrufen hallte, keine Werkstatt, in der noch gearbeitet wurde. Alle eilten in den Hafen, um die lang ersehnte Rückkehr des Propheten eigens mitzuerleben. Alle wollten zuerst mit ihm sprechen, seine Hände fassen und ihn ans Herz drücken, die Einladung aussprechen, das Nachtlager anbieten, Gastfreundschaft bekunden. Alles klirrte und surrte in den Straßen, die Ordnung und Ruhe war gewichen und es gab nur noch das Leben, das pulsierend zum Hafen drängte. Die Erwartung der Menschen in Orphalese stand wie eine Kathedrale, um den Propheten zu empfangen. „Gott geleite mich in diese Kathedrale, damit ich Eingang finde und bleibe bei mir, damit ich mich nicht in den Hallen der Hoffnung verliere. So viele Fragen, wie kann ich da bestehen?“ So sprach der Prophet zu seinem Selbst. Und Gott wich ihm nicht von der Seite und lies sein Herz ruhig werden. Der  Prophet setzte seinen Fuß an Land und begann, mit den Menschen zu sprechen, weil er ihre Not und Drangsal sah. Und so sprach er: „Leute von Orphalese, ich bin zu euch gekommen, wie viele andere zu anderen gegangen sind, um der Not zu begegnen, die das Erdenrund fest in eiserner Klammer hält. Ich bin zu Euch gekommen, weil ihr mich erwartet habt. Ihr kennt und liebt mich und werdet meinen Worten lauschen und ihren Sinn erfassen. Doch ein Versprechen will ich euch abringen, denn groß ist die Not überall und noch immer sind der Boten zuwenig.“ „Welches Versprechen?“, schrien die Leute von Orphalese, „wir erfüllen jeden deiner Wünsche, sie sind uns Befehl.“ „Das Versprechen, welches ich fordere ist dies: Nachdem ihr meinen Worten gelauscht habt, eure Fragen beantwortet sind und der Kristall des Wissens Eingang in euren Geist gefunden hat, sollt ihr davon Kunde geben. All’ jenen, die euch lieben, die euch kennen und euren Worten Glauben schenken. Werdet zu Propheten, wie ich einer ward und schon viele mit mir.“
 
„Wie können wir werden wie du?“, entsetzten sich die Menschen von Orphalese und wichen vor Schreck zurück. Nur Aischa, die Wissende, verstand das Gebot der Stunde. Sie beruhigte die Menschen von Orphalese und bat sie, sich zu setzen und den Worten des Propheten ohne Furcht zu lauschen. Und alle setzen sich und suchten nach jenen Fragen, welche die Zeit in ihren Herzen hinterlassen hatte. Und die ersten unter ihnen baten: „Sprich zu uns von der Zukunft.“
 
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